Die Elite der Häftlinge

Wie der Name dieser Kategorie schon sagt, herrschte im KZ eine Hierarchie. Wir haben uns mit der der Häftlinge beschäftigt, genauer mit der Elite, da wir uns gefragt haben, ob
diese Menschen nicht stark mit ambivalenten Gefühlen zu kämpfen hatten, wie sie
letztendlich gehandelt haben, was sie dazu bewegt hat die Aufgaben anzunehmen
und was die Absichten der SS waren. In diesem Artikel versuchen wir die
Grundlagen für die Beantwortungen dieser (und vielleicht auch anderen Fragen)
darzulegen.

Ein Funktionshäftling übernahm im KZ Verwaltungsaufgaben, die
Arbeitsorganisation und agierte als Hilfskraft und Aufsichtskraft. Die
Aufgaben nahm er von der SS entgegen. Sie bildeten die Elite der Häftlinge, in
der Rangordnung der Häftlinge standen sie also ganz oben (an unterster Stelle
standen die, die schwere Arbeit draußen zu verrichten hatten). Sie waren für
die „Häftlings-Selbstverwaltung“ zuständig.

Laut der SS waren auch diejenigen weit unten, die „rassisch minderwertig“ waren (z.B. Russen und Polen). Es war von Vorteil, wenn man mehrere Sprachen (oder zumindest deutsch) beherrschte und Qualifikationen besaß, die für einige Aufgaben von Nutzen sein könnten. Auch die Häftlingsnummer half beim Aufstieg in der Hierarchie, sofern es eine
niedrige Nummer war- eine niedrige Nummer bedeutete, dass man mehr Erfahrung im
KZ hatte bzw. geeigneter für einen höheren Rang war.

Die Funktionskräfte unterteilen sich in verschiedene Gruppen wie Lagerältester, Blockältester und Tischältester sowie verschiedenen Kapos. Die höchste Position, die ein Häftling erreichen konnte, war die des Lagerältesten, welcher andere Häftlinge zur Besetzung bestimmter unterer Funktionen vorschlagen konnte und für die reibungslosen
Abläufe im KZ-Alltag verantwortlich war, außerdem war er der Vertreter der
Häftlinge- die SS wandte sich an ihn, wenn sie etwas anzuordnen hatte. Auch
wenn es von Namen her logisch scheint, ist der Lagerälteste nicht wirklich der
Älteste im Lager.

Der Blockälteste war besonders für die Ordnung in den Unterkünften zuständig, der Tischälteste verteilte Nahrung an die anderen Häftlinge und musste z.B. sichergehen, dass
die Schränke der Häftlinge sauber waren.

Weitere Funktionen, die die Häftlinge ausführten waren die des Revierpflegers (der unter dem Krankenrevierkapo stand) und die des Lagerschreibers .Des Weiteren mussten sie
Lagerverwaltungsaufgaben und Stubendienste übernehmen.

Der Lagerschreiber war für die innere Verwaltung zuständig und der Rapportfüher(SS) war sozusagen sein Vorgesetzter. Die Vorgesetzten der Blockältesten waren die Blockführer(SS).

Den Blockältesten kamen noch Stubendienste zu Hilfe – auch sie sorgten für Ordnung im jeweiligen Block. Die Kapos handelten nach Befehlen des Kommandoführers(SS).

(Die Positionen, die nicht auf der Seite der Häftlinge liegen, sind durch SS gekennzeichnet)

Die Funktionshäftlinge wurden meistens nach bestimmten Kriterien ausgewählt. Sie sollten „reichsdeutsch“ sein, möglichst viel Zeit im KZ verbracht haben, damit man ihnen nicht mehr allzu viel beibringen musste und natürlich sollten sie auch intelligent sein, damit sie die Befehle auch richtig ausführten. Doch wenn es zu wenig von dieser Sorte
gab, konnte theoretisch jeder Kapo werden, wenn er die nötigen Sprachkenntnisse
besaß – schließlich mussten ja die Befehle der SS verstanden und ausgeführt
werden.

Kapo zu sein oder generell einen höheren Rang inne zu haben war aus mehreren Gründen erstrebenswert. Denn wenn die Aufgaben „richtig“ ausgeführt wurden erhielten die Funktionshäftlinge mehr Nahrung, ihre Unterbringung war besser und die anderen Häftlinge hatten „Respekt“ vor ihnen, wahrscheinlich, weil sie wussten, wozu die meisten von ihnen fähig waren und sich nicht in Gefahr begeben wollten– das Leben im KZ wurde ja maßgeblich von ihnen beeinflusst. DieFunktionshäftlinge waren  dem Terror der SS außerdem weitaus weniger ausgesetzt und mussten keine schwere (körperliche) Arbeit ausführen- all diese Aspekte erhöhten die Chance zu überleben und so erklärt sich auch warum der Job so attraktiv war.

Doch mit dem Amt des Funktionshäftlings
ergaben sich nicht nur Vorteile:

Die Funktionshäftlinge wurden Teil des Terrors, werden in Zeitzeugenberichten auch als Handlanger oder Diener der SS bezeichnet. Ihr Leben war zwar sicherer als das des Großteils der Häftlinge – doch die Position eines Kapos, zum Beispiel, konnte man auch
verlieren, in dem man nur einen kleinen Fehler beging und andere Häftlinge
scheuten auch nicht davor zurück dies der SS mitzuteilen. Also musste ein Kapo
immer sehr vorsichtig sein, die Aufgaben richtig ausführen – denn wenn er den
Posten verlor war die Rache der anderen praktisch sicher (und natürlich wurde
er auch von der SS bestraft).

In KZ gab es einen Kampf zwischen den Funktionshäftlingen, die zu den Berufsverbrechern gehörten und den politischen Häftlingen, sowie eine Art unsichtbarer Grenze zwischen den deutschen Häftlingen und denen aus anderen Ländern, da die Deutschen meistens Funktionshäftlinge wurden. Politische Häftlinge versuchten durch
Solidaritätsaktionen zu verhindern, dass eine Art Kluft zwischen den Häftlingsgruppen und den verschiedenen ethnischen Gruppen entsteht bzw. dem entgegenzuwirken. Dies taten sie auch, in dem sie auch Häftlinge aus anderen Ländern in die Häftlings-Selbstverwaltung aufnahmen. In den vielen Zeitzeugenberichten wird häufig gesagt, dass die meisten Häftlinge in Neuengamme Solidarität übten- es ist wichtig zu betonen ,dass es auch Funktionshäftlinge gab, die ihren Rang genutzt haben, um andere zu retten, denn sie konnten heimlich den anderen helfen, ihre Namen von Transportlisten nehmen und ihnen bessere Unterkünfte verschaffen.

Das Einsetzen von Funktionshäftlingen hatte für die SS viele Vorteile und ist wohl auch essentiell für das Verhindern von Aufständen innerhalb der Häftlingsgruppen. Durch das
Einsetzen von Häftlingen als Aufseher und Kapos sparte sie an Kosten und außerdem herrschte dadurch totale Bewachung und Kontrolle der Häftlinge für den größten Teil der Zeit. Dass sich die Funktionshäftlinge mit den anderen Häftlingen verschwören und ihr Amt aufs Spiel setzen konnte die SS wohl verhindern, indem sie ihnen viele Privilegien gab und ihnen so bessere Überlebenschancen zusagte. Durch das Schaffen einer Elite zerstörte die SS auch das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe und „verkleinerte“ somit die Chance auf Widerstand.

Ohne Funktionshäftlinge wäre die Überwachung der Häftlinge also nicht so allumfassend möglich  gewesen, es hätte mehr Fluchtchancen gegeben und die Häftlinge hätten es wesentlich einfacher gehabt, außerdem hätten sie eine viel größere Gefahr für die SS dargestellt.

(Der Großteil der Informationen stammt aus der Täter-Austellung und der
Häftlingsgruppenaustellung darüber (also aus Zeitzeugenberichten))

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Eine Antwort zu Die Elite der Häftlinge

  1. rosa schreibt:

    Hier wird ein schwieriger Punkt angesprochen, die Konkurrenz zwischen den „Rotwinklern“ und den „Grünwinklern“, zwischen den Politischen (Kommunist/innen, Sozialdemokrat/innen, Gewerkschafter/innen, …) und den so genannten „Befristeten Vorbeugehäftlingen/“Berufsverbrechern““ (BV) und Sicherungsverwahrten (SV). Bei den beiden letzten Gruppen handelt es sich um Personen, die entweder nach einer Haftstrafe in einem Gefängnis oder Zuchthaus (eine härtere Art von Gefängnis) oder die direkt aus der Haftanstalt in ein Konzentrationslager gebracht wurden. Wie bei dem Rundgang angesprochen, hing das mit der Vorstellung der Nazis zusammen, Kriminalität sei angeboren und werde durch das Erbgut weitergegeben.
    Sehr vereinfacht lässt sich sagen: Die meisten Menschen, die wegen Raub, Mord und anderen Verbrechen in Haft sind, sind generell nicht sehr solidarisch. Bei den politischen Häftlingen nun standen Solidarität und Organisation an oberster Stelle. Die SS setzte gerne Grünwinkler als Kapos ein, weil sie darauf baute, dass sie sich hart gegenüber den Häftlingen verhalten würden. Die Rotwinkler nun versuchten aber oft systematisch, die Stellen von Kapos zu erhalten, um so die „Häftlingsselbstverwaltung“ in ihrem Sinne zu führen.

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